Image description

Josef Guggenmos

 

"Das Kind ist die Fülle der Zukunft"

 

Foto und © Dieter Schmidt



Verwandlung der Einfalt  - von Peter Härtling


Gugummer hat, wie alle seine Geschwister, wenig Erinnerung an seine Entstehung, an seine Geburt; jedoch – und darin unterscheidet er sich von den poetischen Geistern – stirbt er am Ende seines Wegs und wird von seinem Schöpfer in einem Abschiedsgedicht besungen. Josef Guggenmos gab seinem Gugummer das Gurren, den brummenden U-Ton seines Namens mit und verlieh ihm alsdann die Schwerelosigkeit, die ihn von Land zu Land tragen kann und ihm Türen öffnet, die nur solchen Wesen sichtbar sind: die Pforten zur Zwischenwelt. Der Zyklus seines Lebens hebt an mit der Frage nach ihm, nach Gugummer  – „Wer ist er schon?“ Und die erste Antwort, die sein Dasein andeutend umschreibt, heißt: „Durch die Stadt, durch die Stadt, durch die große Stadt geht einer, den keiner kennt.“ Die Fahrt beginnt; die Gedichte sind sorgfältig in Stationen und Charakterdeutungen geordnet, überraschend oft wird Gugummer dem Imaginationsraum des Lesers entzogen, er weht nur noch als ein Hauch, und sein Name verkürzt sich zu einem sanften „Gu“.

     Erst in der Umschreibung der Frage, was Gugummer treibe, enthüllt sich seine Existenz. Er ist aus dem Gedicht und im Gedicht daheim:

 

„ …

was tut Gugummer,

um nicht zu erfrieren?

Er dichtet behutsam

ein kleines Gedicht,

das er sich selber

hundertmal spricht.

Es ist sein Feuer

im kalten Feld,

an das er die blauen

Hände hält.“

 

 

Gewiß könnte Gugummer nicht ohne den lebenskräftigen und wortschöpfenden Anhauch seiner Ahnen leben. Am ehesten findet er sie – diese ins Spinnennetz vieldeutiger Einfältigkeit verwickelten Zwitterwesen – im Umkreis von Palmström und Korf. Das Wortspiel bedeutet ihm ein Gutteil seines Treibens, doch bestimmt es ihn nicht, Kobolz zu schlagen, wie es beispielsweise Korf, der Wortakrobat, um seiner selbst willen tut. Gugummer ist naiver. Manchmal denkt er sogar an den Krieg, so wenn er einen Brief an seinen toten Freund schreibt, der in Rußland gefallen ist. Merkwürdig und befremdend dieser Eingriff von krasser Realität in eine magische (auch enge) Welt, deren nicht geringstes Kennzeichen die Menschenangst ist. Solche Offenheit ist Palmström oder dem Enzian fremd.

      Die erste Verbindung Gugummers mit der Außenwelt geschieht, eine bestürzende Verwandlung, indem Gugummer für ein Gedicht lang seinen Namen aufgibt und in die Gestalt Noahs schlüpft, der eine Taube ausschickt. Gugummer ist so allein wie Noah nach der Sintflut; da sein Schöpfer diese Einsamkeit dem Gugummer nicht aufbürden kann, weil sie ein Zeichen uralter Menschenerinnerung ist und mit einem einzigen Namen verbunden, der unauslöschbar immer dasselbe meint, läßt er ihn als Noah seiner Taube nachsprechen: „Komme wieder! Dich begleitet ein hundertfältiges Hoffen.“ Der Ausweg ins Archaische verdeutlicht, was Guggenmos mit seiner Spielgestalt sucht. Gugummer ist für ihn das Geschöpf des ersten Tages, eine Kreatur der Reinheit, die sich allmählich, im Menschlichen wie im Geisterhaften, selbst erfährt. So ist denn der nächste Schritt, nach der Einverwandlung in Noah, die Rückverwandlung und zugleich die Entdeckung der ganzen Erde. Es ist eine Erde ohne Menschen, in die er sich einschreibt als singuläres Wesen, das von seiner Vergänglichkeit weiß. Die Erde ist unberührt, sie ist verschneit. Schnee und Winter gehören zu den Lieblingsmetaphern von Guggenmos, Gugummer zeichnet in den Schnee ohne Schritt sein Herz, eine rührende Geste des Besitzergreifens. Freilich, die Poesie schafft schneller als die Geschichte. Wenige Strophen später gibt es Atlanten, auf denen Gugummer, der Drei-Gramm-Schwere, sich seine Reisen auswählt. Venedig lockt ihn nicht, weil es die Massen anzieht (wie rasch ist die Erde bevölkert!), eine Oase in der Wüste hingegen reizt ihn sehr, damit er lerne, was es heißt, einen Becher Wasser zu trinken. Die Urerfahrungen, die Urhandlungen sind diesem Geist zugeschrieben, und darum auch erfährt er, von Strophe zu Strophe, von Gedicht zu Gedicht, Schmerzen und Qualen, er muß sich Trost zusprechen, er warnt vor dem Sterben, und nach seiner Existenz befragt, diesem wesenlosen Dasein einer Imagination, sucht er ein Alibi:

 

„Gugummer weiß genau,

er lebte einst als Glockenton

auf der Insel Reichenau.“

 

Der Ton der Glocke ist das Reine und der Ruf: erst ist er Klang, dann Erinnerung – Gugummers Lebenskreis ist wunderbar umschrieben.

      Gugummer erfährt das Absurde: er wandert über den vereisten und verschneiten See, verliert die Richtung und weiß nicht mehr, wo vorne und hinten ist. Da ihn nie die Hoffnung verläßt, ermutigt er sich, daß sich alles finden werde, wenn er nur vorangehe.

      Er fängt an zu reisen, sammelt Erfahrungen, blickt in Seelen, Kinder vor allem ziehen ihn an, und auch auf den Jahrmärkten, diesem bunten Feld, auf dem sich mancher Geist wohl fühlt, treib er sein stilles Unwesen. Er sehnt sich nach sich selbst und schickt sich deshalb aus sich fort; irgendwo lebt das Wesensstück weiter, das gut in ihm war. Gugummer, einst allein auf der Erde, ist also längst ein Geschöpf unter vielen geworden, wenn auch ausgezeichnet mit der Selbsterkenntnis und der Selbsterschaffung. Der Tageslauf festigt sich für ihn, morgens, mittags und abends sagt er sein Gebet, von einem sicheren Glauben der Güte durchdrungen. Er predigt über die Geburt von sechs kleinen Igeln, deren Schicksal er menschlicher Behutsamkeit anempfiehlt, und ahnt, der Wintergeist, zwei Gedichte vor seinem Sterben, den Frühling, doch bleibt’s bei der Ahnung, Müdigkeit erfaßt ihn, er müht sich, Dank zu sagen, und legt sich in den Sarg, auf den sein Dichter ihm drei Strophen schreibt, deren letzte über den Geist, die Güte dieses Gastes Auskunft gibt, auch über die verschmitzte Hinterhältigkeit des Wesens, das so leise war:

 

„Nun läuft die Welt, wie sie laufen soll,

nicht erschreckt sie Gugummer, der Arge,

so denkt er, reglos ausgestreckt,

und lächelt in seinem Sarge.“

 

So hat Guggenmos, seinem Schelm verwandt, noch eine letzte Pointe gefunden: Gugummer geht in den Tod ein und lebt weiter.

      Drei Geister zählen zur „Generation des zweiten Nachkriegs“: Gugummer, Enzian und der Moël.  Sie zeigen, wenngleich auch nur an Reizstellen, die nicht sofort bloßliegen, manche Tendenz der literarischen Entwicklung in Deutschland. Drei Strömungen geben sie kund, entwickeln sie weiter, oder – wer weiß es? – beenden sie. Enzian setzt die Tradition des von Morgenstern erfundenen kreierenden Wortspiels fort; Moël, ins Graphische übertragen, bekräftigt die Neigung zur Parabel im Surrealismus, wie wir sie beispielsweise von Chagall erfahren haben, eine Beschwörung, die weit ins Märchenhafte reicht, in frühe menschliche Erinnerung; Gugummer lebt aus älteren Quellen, aus denen der deutschen Romantik und   welche Spanne – aus dem Geist der moralischen Spielfiguren von Bertolt Brecht  –: die Formen des Gebetes und des Liedes sind Gugummer vertraut, seine Naivität ist ein Ausdruck vergeblicher Wahrhaftigkeit, die sich immer wieder müht.

      Mit Guggenmos und seinem Gugummer hat die Einfältigkeit, die zu verwandeln vermag, wieder Eingang in die deutsche Poesie gefunden, eine seltene und kostbare Leistung, die kaum ohne die Kinderbücher des Autors zu denken ist.






„Verwandlung der Einfalt wurde erstveröffentlicht in: Peter Härtling, Palmström grüßt Anna Blume – Essays und Anthologie der Geister aus Poetia, Henry Goverts Verlag, Stuttgart 1961

 

Gugummer geht über den See. Gedichte. Verkürzte Ausgabe. Mit Handätzungen von Günther Stiller und dem Essay Verwandlung der Einfalt von Peter Härting. Sonderdruck. Paulus Verlag, Recklinghausen 1966, 32 Seiten

 

Gugummer geht über den See. Gedichte. Erweiterte Ausgabe. Mit dem Essay Verwandlung der Einfalt von Peter Härtling. Titelvignette von Günter Stiller. Paulus Verlag (Georg Bitter Verlag), Recklinghausen 1968, 80 Seiten