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Josef Guggenmos

 

"Das Kind ist die Fülle der Zukunft"

 

Foto und © Dieter Schmidt



 

Selbst Fischen kommen die Tränen. Die Kunst den Augenblick in Worte zu fassen.

Stefan Wolfschütz

Im Juli 1993 verstarb im Alter von 88 Jahren der japanische Dichter Kato Shuson. Er war einer der größten Haiku Dichter Japans im 20. Jahrhundert. Viele Jahre hatte er die Aufgabe, Woche für Woche Haiku für die Asahi Shimbun, Japans größte Tageszeitung, auszuwählen. In Japan schreiben nach Schätzungen über sechs Millionen Menschen von Kindesbeinen an regelmäßig Haikus und verfolgen aufmerksam solche Haikuspalten, die mindestens genauso verbreitet sind, wie in Deutschland an ähnlicher Stelle Horoskope.

Zwei Wochen vor seinem Tod, so wird berichtet, fiel Shuson in ein Koma, aus dem er nicht mehr erwachte. Während dieses Komas konnte man beobachten, wie die Finger von Shuson immer noch die für einen Haiku Dichter typischen Bewegungen machten: Alle fünf Finger nach innen zur Handfläche gebeugt und sie einen nach dem anderen nach außen zählend.

Dieses Abzählen der Silben im Haiku ist der Urgrund aller japanischen Haiku-Dichtung: Siebzehn Silben in drei Zeilen zu je fünf – sieben – fünf Silben bilden das formale Muster eines Haiku. So schlicht dies anmuten mag, so komplex sind diese kleinen Gedichte. Die über tausendjährige Literaturgeschichte Japans ist voll von Berichten, Anekdoten und Auseinandersetzungen über berühmte Haiku-Dichter. Allen voran steht Matsuo Bashô, der im 17. Jahrhundert das Haiku zu dem machte was es heute ist: Ein viel bewundertes Kleinod in der Weltliteratur.

Wer die Liebe zu dieser Gedichtform einmal entdeckt hat und eigene Erfahrungen im Haiku-Schreiben macht, der kommt meist nicht so schnell davon los. Anders als Epigramme, Aphorismen oder ähnlich verwandte Kurzformen, rührt das Haiku an archetypische Tiefenschichten des menschlichen Verstehens. Clark Strand, einer der großen Haiku-Dichter in den USA bezeichnet darum das Haikuschreiben auch als „meditation in action“.

Im Gegensatz zur abendländisch kompliziert verschachtelten High End Lyrik, sind die formalen Voraussetzungen des Haiku einladend und kinderleicht. Dies mag einer der Gründe sein, warum z. B. Lehrerinnen und Lehrer das Haiku schätzen gelernt haben. Mit welcher deutschen Lyrikform könnte man wohl so schnell einer achtjährigen Schülerin das Gefühl vermitteln, ein wirkliches Gedicht geschrieben zu haben und damit eine erste Begeisterung für Sprache und Literatur wecken? Die klare Silbenstruktur als Vorgabe ist dabei eine wunderbare Hilfe. Mittlerweile setzen sogar Heilpädagoginnen das Haiku ein, um Legasthenikern spielend Erfolgs- und Lernerlebnisse zu vermitteln. Auch hier erweist sich das Silbenzählen als überraschend gute Hilfe. Das folgende Haiku entstand während eines heilpädagogischen Kurses in Freiburg:


Suppenschildkröten

treffen kluge Clownfische

im blauen Wasser.


(Moritz, 10 Jahre)


Neben dem Versmaß, sind es aber vor allem die inhaltlichen und thematischen Ausprägungen, die im Laufe der Jahrhunderte das Haiku zu der kürzesten anerkannten lyrischen Form in der Weltliteratur gemacht haben.

Alles begann mit Bashô

Im ausgehenden Frühjahr 1689 bricht ein 45 jähriger, schon damals von seinen Schülern hoch geachteter Dichter, zu einer 2400 Kilometer langen Reise zu Fuß auf. Auf diesem Weg über 150 Tage, entsteht eines der großen Werke der Weltliteratur. Das „oku no hosomichi“, übersetzt „Auf schmalen Pfaden“ ist ein meisterlicher Reisebericht, ein so genanntes „Haibun“, in dem die verschiedenen Stationen, die Bashô erwandert, beschrieben werden. Jede dieser 55 Stationen wird in seinem Reisebericht durch ein Haiku abgeschlossen.

Die Reisen erlebt Bashô, wie viele Dichter um ihn herum, paradigmatisch. Reisen und Wandern wird zu einem Akt der Bewusstseinserweiterung, um in der Natur dem Wesen des Daseins nachzuspüren.

Die folgende Szene ist dem Reisebericht Bashô´s entnommen und veranschaulicht dieses Muster. Bashô nimmt aus dem Kreise seiner Schüler und Freunde Abschied, um aufzubrechen. Beim Abschied kommen vielen von ihnen die Tränen. Bashô erlebt diesen Augenblick so, als ob die ganze Natur dabei mittrauert, und genau diesen Moment fasst er mit einem seiner besonders berühmten Haiku kunst- und liebevoll in Worte:


Der Frühling scheidet:

Vögel weinen – selbst Fischen

kommen die Tränen.


(Matsuo Bashô, 1689)


Was aber macht ein solches Haiku berühmt? Warum verfallen im Laufe der Jahrhunderte so viele Literaten dieser eindrücklichen Leidenschaft und entstehen Millionen von Kurzgedichten im Geiste des Haiku, heute mehr denn je. Der vorliegende Beitrag wird keine letztgültige Antwort auf diese Frage geben. Im Folgenden werde ich aber versuchen die wesentlichen Merkmale zu benennen, mit denen man ein Haiku beurteilen oder aber selber versuchen kann in den Kreis der Haikuschreiberinnen einzutreten. Dies werde ich an Hand von fünf Kriterien erläutern.


1. Natur- und Jahreszeitenbezug

Traditionell erzählt das Haiku von einem Augenblick, der sich in der Natur und der mit ihr einhergehenden Jahreszeit ereignet. Darin spiegelt sich die besondere Beziehung der japanischen Seele zu den Naturzyklen wider. Der Rhythmus der Jahreszeiten ereignet sich im japanischen Klima ausgeprägter als in unseren Breitengraden. Darum wurde und wird der Alltag viel stärker vom Wechsel der Jahreszeiten berührt. Das Leben und Erleben der Natur wird zu einem Spiegel menschlicher Verhaltensweisen, mehr noch zur sinnhaften Abbildung allen Seins. Dabei versucht das Haiku aber nur den winzigen Augenblick zu erfassen, in dem sich Natur und menschlicher Geist tief füreinander öffnen. Dieser Augenblick vollzieht sich als Wechselspiel zwischen Naturereignis und Betrachter. Zeit und Raum werden für den Bruchteil einer Sekunde ganz weit und vermitteln dem Betrachter Einsicht und Erkenntnis von der Natur der Dinge.

Diesen Augenblick so in Worte zu fassen, dass die dabei empfundene Erkenntnis für die Leser nachvollziehbar mitgeteilt werden kann, einschließlich aller darin enthaltenen transzendenten Dimensionen, das ist Haiku.


Oh diese Stille.

In den Felsen hinein dringt

Zikadenzirpen.


(Matsuo Bashô 1689)


2. Das Haiku, die Stimme des Schweigens


Die Schmetterlinge,

was sie wohl träumen mögen,

beim Flügelspreizen?


(Chiyo Ni, Haikudichterin 1702 - 1775)


Das wahrhaft meisterhafte Haiku besticht durch alles, was nicht gesagt wird und dennoch vorhanden ist. Das ist der in der Haiku-Literatur immer wieder beschriebene Augenblick, in dem die Bilder, die Worte nachklingen und der Leser fasziniert weiterdichtet, seine eigene Geschichte in den Worten des Haiku entdeckt und zum Klingen bringt.

Solche Meister-Haiku, teilen sich mit, indem sie voraussetzungslos mit anderen geteilt werden können. Es gibt viele Haiku, die im ersten Augenblick wirklich schön und interessant klingen. Erst bei näherem Hinsehen merkt man ein häufig anzutreffendes Grundproblem vor allem bei abendländischen Haiku-Autoren, das ist ihre Selbstverliebtheit in die eigene Sprachfertigkeit. Ein solches Haiku klingt meist so, als ob der Autor es als sein Eigentum betrachtet und das letzte Geheimnis seines Textes doch lieber für sich behalten will. Solche Autoren bringen nur allzu gerne ihre persönliche Betroffenheit zum Ausdruck, sie garnieren ihre Wortschöpfungen mit Allgemeinplätzen und beziehungsdramatischen Comedy-Effekten, das alles in siebzehn Silben:


Ein heißer Sommer-

wie Eis bin ich in deinen

Augen geschmolzen.


(anonym 2003)


3. Ein Haiku kennt weder Moral noch Dogmatik

Eine der vornehmsten Künste beim Haikuschreiben besteht darin, sich als Autor zurückzunehmen. Der Augenblick kennt keinerlei Botschaft, als die, zu sagen, was vor Augen ist. Dazu gibt es eine schöne Übung: Lenken Sie Ihre Augen auf ein Bild, das sich in Ihrer unmittelbaren Umgebung befindet. Lassen Sie Ihren Blick auf diesem Bild für einige Sekunden – oder wenn Sie es können Minuten – ruhen. Versuchen Sie dann im ersten Schritt in einfache Worte zu fassen, was Sie in diesem Augenblick wirklich sehen, nicht was sie denken zu sehen.

In einem zweiten Schritt können Sie diese Worte für das, was sie sehen in das Versmaß eines Haikus fassen. Was immer dabei herauskommt, ist der Anfang oder bereits das Ende eines Haikus. Shiki Masaoka schlug dem, der Haikus schreiben möchte, diese Übung über den Tag verteilt vor: Einfach schreiben, niederschreiben, was vor Augen kommt.

Und alles, was dann an Wertungen aus diesem Bild fließt, können Sie einem anderen Augenblick oder einem anderen Menschen überlassen. Haiku-Schreiben lebt von dieser befreienden Betrachtung dessen, was in diesem Augenblick ist. Jedoch, seien Sie vorgewarnt, es hört sich einfacher an, als es ist, denn der Alltag lehrt meist eine andere Art des Betrachtens. Sie entspringt den Lebenserfahrungen, die mich eher Misstrauen und Angst lehren, als Freiheit und Offenheit. Aus diesem Grund sind Menschen gewohnt, wertend zu betrachten. Indem sie werten, schützen sie sich. Je perfekter dieser Schutz ist, um so eher hält er aber beides von mir fern: Den befürchteten Angriff genauso wie eine beglückende Erkenntnis. Menschen haben es schwer, eine vertrauensvolle offene Haltung einzunehmen, darum ist diese einfache Schreib- und Wahrnehmungsübung so schwierig:


Erster Tag im Jahr,

nichts ist böse, nichts ist gut,

sondern alles lebt.


(Shiki Masaoka, 1867 - 1902)


4. Das Haiku ist konkret

Eine weitere Schwierigkeit, besonders für den schreibgeübten Humanisten, ist der Verzicht auf die geliebte Palette der schmückenden Adjektive wie schön, hässlich, stolz, schnell, und die abstrakten Ideen, wie Liebe, Hass, Traurigkeit, Frieden, Ehre, Ruhm.

Die Konzentration auf das, was unmittelbar vor Augen ist, verlangt eine besonders konkrete Sprache, in der sich die verwendeten Begriffe leicht und allgemeinverständlich mitteilen. Eine Grundregel könnte lauten: Traue deinem Körper und weniger deinem Intellekt. Ein gutes Haiku lässt sich überprüfen, indem man versucht, das Bild bzw. die Bilder dieses Haiku für sich aufzuzeichnen. Je leichter dies gelingt, um so eher hat man es mit einem gelungenen Haiku zu tun:


Für alle Türen

ist der Dreck der Holzschuhe

der Frühlingsanfang.


(Issa 1763-1827)


5. Das Haiku ist ein Spiegel des Herzens

Für den, der Haiku schreibt, beginnt die wirkliche Herausforderung erst nachdem er gelernt hat, die ersten vier Punkte in die eigene Wahrnehmung und Schreibpraxis zu integrieren. Jetzt geht es darum, ein oder zwei Bilder so in Worte zu fassen, dass diese Bilder einander im Bewusstsein des Lesers begegnen können, und daraus ein überraschender Gedankensprung, eine Wendung entsteht, die augenblicklich ein neues Licht auf eine Weisheit wirft, die vorher nicht erkennbar war. Oft wird diese Wendung durch die dritte Zeile eines Haiku ausgelöst, nachdem die vorangegangenen Bilder eine harmlose Alltagssituation beschreiben. So kommt es dann, dass manches Haiku als Gedankenblitz empfunden wird oder aber plötzlich wie ein Spiegel vor meinem Bewusstsein steht.

David Steindl-Rast, der lange in Japan als Benediktinermönch gelebt und gewirkt hat, vergleicht diesen so genannten „Haiku-Augenblick“ mit einem Gipfelerlebnis im menschlichen Bewusstsein beim Lesen des Haikus: „Die Meister des Haiku versuchen nicht etwa ein Gipfelerlebnis einzufangen (worum sich vielleicht ein Dichter im Westen bemühen würde); statt es einzufangen, versuchen sie, die Erfahrung freizusetzen, sie gerade nur so weit anzuregen, dass die Erfahrung des Lesers, ihm wieder gegenwärtig wird. Ein Meister des Haiku macht den Leser zu seinem Mitdichter. `Wir haben das Erlebnis gehabt, doch erfassten den Sinn nicht.` Im Spiegel des Haiku enthüllt `der halb erahnte Wink, die halb verstandene Gabe`, die uns einmal geschenkt wurde, jetzt später ihren Sinn. Der Dichter bietet uns einen Spiegel an, aber ein Spiegel ohne Licht ist leer und dunkel. Das Licht, das im kristallenen Spiegel des Haiku aufleuchtet, muss das Licht unserer eigenen Erfahrung sein.“ (David Steindl Rast, Die Achtsamkeit des Herzens, München 1988).


Schattig der Abstieg

zur Einsiedelkapelle,

zum alten Kreuzweg.


(Horst Ludwig 2001)


Millionen von Menschen in aller Welt spüren in diesem beschriebenen Sinne dem Geist des Haikus nach. Und sie entdecken das Schreiben von Haiku als Praxis um das eigene Bewusstsein zu schärfen, aufmerksamer für die sie umgebenden Ereignisse, Menschen und deren Stimmungen zu werden. Die Sprache ist dabei ein wunderschönes Instrument, das aber wie alle Instrumente auch eingeübt werden muss. Dazu gibt es eine Fülle von Möglichkeiten und Lernorten. Besonders die Ausbreitung der Internetkommunikation hat der Haiku-Bewegung einen großen Auftrieb verschafft. Wer mehr dazu erfahren will, kann sich auf viele Seiten im Internet begeben. Ausgangspunkt hierfür können z. B. die Internetseiten des Hamburger Haiku Verlages sein, für die sich der Autor dieses Beitrages ebenfalls engagiert: www.haiku.de


Haiku – Zur Etymologie

Die frühesten Gedichte in Japan waren Lieder und Gebete, die zu den Göttern gesungen oder gesprochen wurden. Diese Formen reichen weit vor die ersten schriftlichen Aufzeichnungen (760 v. Chr) zurück. Im Mittelpunkt stand damals das fünfzeilige und 31-silbige „Waka“. Diese Gedichte erreichten ihre größte Popularität während der Zeit des 9. – 12. Jahrhunderts n. Chr.

Besonders beliebt waren Kettengedichte („Renga“), deren Startvers („hokku“) aus einem dreizeiligen Gedicht in dem Versmaß 5 – 7 – 5 Silben bestand. Hieran schloss ein anderer Dichter zwei siebensilbige Verse und schloss damit das erste Glied der Kette ab, um dann aber das nächste Kettenglied, in thematischer Anlehnung an das vorangehende, wieder mit 5- 7- 5 Silben zu beginnen, ein weiterer griff es wiederum auf und so fort. Es sind Rengawerke überliefert mit über 10.000 solcher Gliederungen.

Im Laufe der Zeit merkte man, dass die Qualität solcher Kettengedichte entscheidend von der Qualität einzelner Glieder abhing, insbesondere den Anfangsversen. Man ging dazu über, kleinere Sammlungen solcher als besonders gut erachteter Anfangsverse, bzw. beliebiger anderer dreizeiliger Verse daraus, zusammenzustellen. Dieses Genre erhielt den Namen „Haikai“. Einer, der dafür besonders geachtet und geschätzt wurde, war Matsuo Bashô, der heute als einer der größten Dichter Japans verehrt wird.

Mit Bashô geriet in zunehmendem Maße der nackte Dreizeiler im Silbenmaß 5-7-5 in den Mittelpunkt dichterischen Schaffens. Zwei Jahrhunderte lang währte das Neben- und Durcheinander der Formen und Begriffe dieser Dichtkunst. Bis im 19. Jahrhundert ein junger Mann, leidenschaftlich und mit klarer Sicht für die Entwicklungslinien dieser Lyrikform, den Tod der alten Dichtform ausrief. Shiki Masaoka (1867 - 1902) schuf aus dem alles an Formen umfassenden Sammelbegriff „haikai no hokku“ die Bezeichnung Haiku. Seit Shiki existiert in Japan die allgemein verbindlich anerkannte Form des Haiku als dreizeiliges Gedicht mit Natur- und Jahreszeitenbezug in 17 Silben zu drei Zeilen in jeweils 5 – 7 – 5 Silben gegliedert.