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Josef Guggenmos

 

"Das Kind ist die Fülle der Zukunft"

 

Foto und © Dieter Schmidt

über Josef Guggenmos

"Rätsel Augenblick" - ein Nachruf von Hans-Joachim Gelberg, erschienen im Eselsohr     mehr

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Zitate

Josef Guggenmos:


Literatur für die Kleinen

 

Dass man für kleinste Leser die Texte und die einzelnen Sätze kurz hält, versteht sich von selbst. Literatur für die Kleinen hat immer etwas Kleines an sich, und das nicht nur in den äußeren Abmessungen. Sie ist und bleibt eine Art Kleinplastik. Ein spannenlanges Figürchen tritt nicht mit dem gleichen Anspruch auf wie ein klafterlanger Zeus. Dafür nimmt man es der Kleinplastik minder übel, wenn sie weniger beflissen den Göttern und Götzen der Zeit huldigt. Sie hat ihre eigene Freiheit; daraus kann sie viel machen.

Unter dem, was dem Kleinen zustatten kommt, ist auch das eine, dass es leicht den Charakter des Modellhaften anzunehmen vermag. Die kleine Plastik kann „Welt“ einfangen, mehr als die – mit dem Zollstab gemessen – große. O ja, die kleine Literatur kann den kleinen Lesern eine Fülle geben. Auch – wenn die Dinge gut gestaltet sind – das Gefühl dafür, dass sich die Sprache formen lässt wie das Stück Ton in der Hand.

 

 Literatur für die Kleinen - Aus dem Nachwort von "Warum die Käuze große Augen machen" Georg Bitter Verlag, Recklinghausen 1968

 

 

 

Das Schreiben von Kindergedichten als schöne Kunst betrachtet

 

Ein absonderlicher Gast kehrt ab und zu bei mir ein. Der Gedanke: Wie sähen Kindergedichte von der Hand Vergils aus.

   Die Stunde Vergils war nicht die Stunde des Kindergedichts. Das Kindergedicht existierte nicht, auch nicht als Möglichkeit. Vergil schrieb Gedichte über den Ackerbau, den Weinbau, die Zucht der Bienen; er schrieb seine Hirtengedichte. Das sind Dinge, vom Kindergedicht, so scheint es, meilenweit ab. Und doch. In dem Dichter der Georgica und der Eklogen muss die Liebe zum Schlichten gebrannt haben, zu den Dingen mit einem hohen Gehalt an Schweigen. Das aber ist es auch, meine ich, was der Verfasser von Kindergedichten als Besonderes mitbringen muss, was ihn zu der geheimen Übereinkunft mit dem Kind befähigt.

 

Und noch etwas. Theodor Haecker rühmt die Sprachkunst Vergils als die höchste, weil sie nicht nach glatter Vollendung trachte, sondern ein Sprachwerk schaffe, das ein lebendiger Organismus sei, hier weich, dort fest, hier ruhend, dort beweglich und fließend. Von solcher Art aber – kein abschnurrendes Spielwerk, sondern lebendig, Fleisch und Blut durch und durch – müssen Kindergedichte sein. Und darum denke ich: Wie wäre das, wenn heute ein Vergil Kindergedichte schriebe; und wir wüssten plötzlich erst, was ein Kindergedicht ist, und man wüsste es in zweitausend Jahren noch.

   Zu den Gedichten, an denen ich nicht vorbeikomme, ohne sie vier- und fünfmal zu lesen, gehört ein bescheidenes Ding in „Des Knaben Wunderhorn“:


                        Wann ich schon schwarz bin,

                        Schuld ist nicht mein allein,

                        Schuld hat mein Mutter gehabt,

                        weil sie mich nicht gewaschen hat,

                        da ich noch klein,

                        da ich noch wunderwinzig bin gesein.


Einer muss sich das Verslein ja wohl ausgedacht haben, denke ich mir dann; und als er es tat, auf stillem Gang vielleicht, da hatte er keine diebische Freude daran, ein Stücklein Poesie zu fertigen, das keiner leiern kann, da mag er sich anstellen, wie er will. Was spielt in diesem Gedicht nicht alles an Lautem und Feinem, an Unbekümmertheit und leiser Trauer. So oft man sich’s vorsagt, klingt es anders und neu. Solch ein Gedicht ist vollendet, ohne jemals fertig zu sein; es ist ein lebendiges Geschöpf. – Das fertige ist der Tod. Das gilt auch für das Kindergedicht. Wie kommt es nur, dass das Kind mit seinen bildnerischen Mitteln Dinge schafft, neben denen so manche unserer Kunstausstellungen von einem Ende zum andern öde erscheint, während das gleiche Kind, wenn es dichten will, bei Reimereien stecken bleibt, die etwa an Witzzeichnungen nach den Anleitungen von Zeichenschulen erinnern und die jedenfalls mit echtem Gestalten nichts zu tun haben? Stellen wir ihm zu viel allzu Fertiges in den Weg?

   Kunst ist immer ein Spiel mit vielen Bällen. So muss auch beim Kindergedicht manches auf besondere Art zusammentreffen. Es muss der Welt des Kindes zugeordnet sein. Doch das andere gilt nicht minder: Der Dichter schreibt das Gedicht für sich selber. Auf andere Art kommt kein echtes Gedicht zustande. Da beißt keine Maus den Faden ab. Das Kind hat aber ein Recht auf das Echte. Wer ihm mit Macht kommt, so oder so, zeigt, dass er das Beste im Kind nicht begriffen hat. Man kann sagen, der Autor von Kindergedichten schreibt zuerst für das Kind in sich selbst. Freilich, was ist dieses Kind, das Kind im Manne und das Kind im Kind? Einfach ein Stück ehrliches, lebendiges Menschentum.

   Der Autor von Kindergedichten ist es seiner eigenen Wahrhaftigkeit schuldig, dass er seine Gedichte so gut macht, wie er kann. Das, was die Kunst einem anderen schenkt, schenkt sie auch ihm. Ihr Glück und den nie ruhenden Stachel. Denn auch für das Kindergedicht gibt es nur den einen literarischen Himmel, in dem die Vagantenlieder glimmen und in dem das Tagelied Morungens glüht, in dem die großen Gedichte des Barocks stehen und die Fleur du mal, die Gedichte John Donnes und der Limerick von der Dame, die auf dem Tiger ritt.

 

 Nachwort von „Was denkt die Maus am Donnerstag“, Georg Bitter Verlag, Recklinghausen, 1967; Beltz & Gelberg, Weinheim 1998

 

 


Das Kind ist die Fülle der Zukunft…

 

… Das Kind ist die Fülle der Zukunft. In ihm ehren wir das Geheimnis, den unermesslichen Schatz der unvertanen Möglichkeiten, das Planen der Vorsehung.

Das Kind steht unter einem besonderen Schutze. Nicht nur, dass es als das Schwächere der Ritterlichkeit und dem Beistand des Erwachsenen anheimgegeben ist. Es ist heilig, wie die Quelle den alten Völkern heilig war.

Wie in kristallklarer Quelle tritt uns hier, so dicht am Ursprung, das Menschliche noch rein und unverfälscht entgegen…

 

Aus dem Nachwort von „Kinderaugen – Kinderherz“, Im Bertelsmann Lesering, Wuppertal 1961